Der Baum als Brauchtumsobjekt (Freinacht)

Der 30. April hat uns früher auf den Kirchplatz gelockt.
Es gab den schöner Brauch, das Maibaumaufstellen, bei dem das halbe Dorf zusammen kam. Die starken Männer hievten den nackten Tannenbaum nach und nach auf, der nur mit Stangen und Seilen, in ein Loch manövriert wurde. Es hätte viel passieren können, wenn der 30 m hohe Baumstamm mit der belassenen Baumkrone plötzlich durch einen Windstoß oder unvorsichtiges Handeln, zu Fall gekommen wäre. Das jedenfalls erwarteten alle mit Furcht und Wonne zugleich. Dass das Unglück jedesmal nicht eintraf, war einen Applaus wert.

Wer ein Mädchen verehrte, der stieg des nachts hinauf bis zur Dachrinne und brachte dort ein junges bunt beschleiftes junges Birken-Bäumchen an. Ich habe leider nie so eines bekommen. Ich hatte zwar Verehrer aber die warfen nur Steinchen ans Fenster und wir
quatschten ein wenig oder ich kam kurz nach unten um den ungewöhnlichen Nachbarn mit ins Fenster zu gucken. Sie waren die einzigen Leute im Umfeld, die in Miete wohnten. Sie machten ihre Vorhänge nie zu und wir erfreuten uns an den Zärtlichkeiten, die beim Entkleiden vornehmlich durch den Ehemann vorgenommen wurden, was der lächelnden Elsässerin zu gefallen schienen.

Am nächsten Morgen waren bei denen zwei Baumstämme an die Haustüre angelehnt. Das war ganz schön gemein, aber ich fand es auch wieder amüsant. Die meterlangen Stämme drückten gegen die Tür auf und könnten dem Öffner auf die Füße fallen. Da die Nachbarn lange schliefen, musste ich sie erstmal wach kriegen und warnen. Wie das genau war, weiß ich natürlich nicht mehr.