Als Kinder standen wir hilflos da,
wenn an uns Gewalt geschah.
Blieben wir dann mal verschont,
hat sich der Tag für uns gelohnt.

“ …. der Kalle will sich umbringen… “ schallte es durch die Judengasse.

Wir Kinder wussten nicht, was dies bedeutete, doch rannten wir gleich zum Schellinghof, wo mein Cousin Kalle 10 alt, seine Drohung wahrmachen wollte.
Er war bis auf den obersten Heustock gestiegen und wollte herunterspringen.

Ich weiß nicht mehr was genau vorgefallen war aber ich erinnerte mich an eine Szene, die sich wohl wiederholt hatte.

Wenn Kalle seinen Vater verärgerte und das geschah sehr oft, dann wurde dieser wütend und stotterte bei der Zurechtweisung. Der Junge kam dann ins Kichern und konnte sich auch nicht mehr beruhigen.

Das versetzte den Onkel Sepp in blinde Wut und er schlug den Jungen, dass wir andern Kinder wie gelähmt daneben standen. Auch mussten wir zusehen, wie sich unser Spielgefährte dann in die Hose machte. Das war echt peinlich und er tat mir leid.

Als Tante Peppi unser Geschrei hörte, kam sie aus dem Haus und rief genervt:“Was isch denn scho widdr“ Der kleinere Bruder zeigte zum Heustadl und wir alle schrien „Der Kalle will sich umbringen!“ Sofort machte sich die Tante mit uns auf den Weg zur Scheune und sie stieg einige Sprossen, die steile Leiter hoch: „Kalle, komm sooford ronder … “ und als er verneinte, stieg sie noch eine Stufe höher und bedrohte ihn, dass sie ihn windelweich schlüge, wenn er nicht sofort käme.

Wir atmeten auf als er endlich erschien. Der arme Kerl ging kopfhängend mit verweinten Augen an uns vorbei und schien sich nun wohl an Gott und der Welt zu rächen, denn er installierte kurze Zeit später einen Kracher in der dicken Altarkerze.

Irgendwann, während des Gottesdienstes explodierte die Kerze mit einem lauten Knall. Der Pfarrer, der gerade den Segen austeilte machte förmlich einen Luftsprung mit seinem Prokatgewandt, sodass die ganze Gemeinde erschrak. Gleichzeitig war es eine urkomische Situation und wir unterdrückten mit Mühe das Lachen. Wer sich sowas traut, der muss lebensmüde sein, denn der Pfarrer war ebenso jähzornig und unberechenbar wie der Onkel Sepp.

Fast jeden Freitag nach dem Gottesdienst nahm er sich einen auffälligen Jungen heraus und zog im die Hosen stramm. Diesmal wussten wir, dass es den Kalle erwischt. Wir waren wie ohnmächtig vor Angst und wir mussten zusehen, wie der Pfarrer den schmächtigen Kerl packte, beschimpfte und über das Harmonium legte. Er nahm den Haselnussstecken und zog ihn über den Hintern: Einmal, zweimal … Plötzlich, wie durch ein Wunder, hielt der schwarze Riese inne, und sah zu Boden. Was war passiert?

Ein aufgeregtes Raunen erfüllte den Raum:„Jetzt haddr ibers Harmonium bronzt.“