‚Tell‘, so hieß der Jagdhund meines Großvaters. Beide gingen mit Freuden zur Jagd und auch ich durfte sie manchmal begleiten. Ansonsten verbrachte Tell den Tag in seiner komfortablen Behausung, die man damals Zwinger nannte. Er durfte immer bei den Gehorsamsübungen und dem Training mit Opa auf die große Wiese hinter dem Hühnerstall. Das machte beiden sichtlich Spaß und ich meinte ein Lächeln in Tells Gesicht beobachtet zu haben, der alle Übungen mit Bravour erfüllte. Denn Opa war immer sehr zufrieden mit ihm. Jeden Sonntag, wenn Großvater alleine war und die Oma zur Kirche ging, öffnete er sein Harmonium. Über den Tasten lag ein rotes mit Goldfaden besticktes Schamtuch. Vorsichtig nahm er es von den Tasten und legte es behutsam zusammen. Ich durfte nur in seinem Beisein an seine Sachen und auch hier nur zu Anfang mal den Blasbalg des Instrumentes treten. Meine Kraft reichte aber nicht aus um der Orgel einen schönen Ton zu entlocken und Opa befreite mich vom Probespiel. Zuvor hatte er das Fenster zum Garten geöffnet, von dem man aus direkt in den Hundezwinger sehen konnte. Tell saß schon mit aufmerksamem Blick in da und wartete auf das Konzert, wobei er keine unwesentliche Rolle spielte. Opa begann nun mit tiefer Hingabe zu spielen und zu singen. Es hörte sich fast so an wie die Gesänge im Mönchskloster Neresheim, das wir schon öfter besuchten. Als der Hund sein Herrchen singen hörte, stimmte er mit ein und es war nicht zu übersehen, welche Freude es Großvater machte. Manchmal übersah er die Zeit und seine verärgerte Frau, die den Hund schon von weitem johlen hörte, kam schimpfend zur Tür herein und schloss sofort die Fenster. Sie dachte, dass sich die Nachbarn belästigt fühlen.

Als Großvater viel zu früh verstarb, folgte ihm sein treuer Gefährte. Wir versuchten Tell zu füttern, doch er verweigerte das Fressen. Oma weinte viel und ich hatte die Hoffnung, dass es einen Himmel gibt, wo wir uns alle mal wiedersehen.

Veröffentlicht in der Tieranthologie
Fell Feder Herz (Chiemgau-Autoren)
Hrg.: Evelyn von Heimburg